Wut ist eine der intensivsten Emotionen im Familienalltag. Sie taucht plötzlich auf, überrollt Kinder wie eine Welle – und manchmal uns Erwachsene gleich mit. Obwohl sie so präsent ist, fällt der Umgang damit vielen Familien schwer. Kein Wunder: Viele Eltern haben selbst nie gelernt, wie man Wut gesund ausdrückt oder begleitet. In ihrer eigenen Kindheit wurde Wut oft bestraft, belächelt oder ignoriert. Doch Wut ist nicht das Problem. Der fehlende Umgang damit ist es. In diesem Artikel erfährst du, wie du Wut bei deinem Kind besser verstehen, sicher begleiten und gleichzeitig deine eigene Wut liebevoller wahrnehmen kannst.
Warum Wut kein Fehlverhalten ist
Wut ist eine Grundemotion – genauso wie Freude oder Traurigkeit. Sie zeigt an, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Es kann um Autonomie, Gerechtigkeit, Ruhe, Orientierung oder Nähe gehen. Kinder haben noch nicht die Sprache oder Impulskontrolle, um diese Bedürfnisse ruhig mitzuteilen. Deshalb bricht die Wut oft so laut heraus.
Wichtig zu wissen:
- Kinder handeln in Wut nicht absichtlich gegen uns.
- Sie können sich im Wutanfall nicht selbst beruhigen.
- Logische Erklärungen kommen erst später bei ihnen an.
- Wut ist immer ein Hilferuf, keine Respektlosigkeit.
Wenn wir das verstehen, wird vieles leichter – und vor allem persönlicher.
Was im Kind passiert, wenn die Wut übernimmt
Im Wutanfall ist das kindliche Gehirn im „Überlebensmodus“. Der Teil, der für Vernunft, Sprache und Kooperation zuständig ist, ist praktisch offline.
Das bedeutet:
- Dein Kind will nicht laut werden – es kann gerade nicht anders.
- Es ist überfordert und handelt nicht absichtlich so, wie es handelt.
- Dein ruhiges Nervensystem hilft mehr als jedes Wort.
Der Ausdruck von Wut ist also kein Erziehungsproblem, sondern ein Entwicklungsprozess.
Wie du dein Kind sicher durch die Wut begleitest
Es gibt keinen perfekten Satz, der Wut sofort stoppt. Aber es gibt Haltungen, die eure Beziehung stärken und langfristig für weniger Eskalationen sorgen.
1. Bleib ansprechbar – nicht perfekt ruhig
Es geht nicht darum, keine Gefühle zu haben. Es geht darum, der sichere Erwachsene zu bleiben, der Orientierung gibt. Hilfreiche Sätze:
- „Ich bin da.“
- „Du bist sicher.“
- „Du darfst wütend sein.“
Diese Botschaften signalisieren deinem Kind: Ich halte dich – auch dann, wenn du dich selbst gerade nicht halten kannst.
2. Grenzen warm und klar formulieren
Gefühle dürfen sein – verletzendes Verhalten nicht. Kinder brauchen beides:
- Freiheit für Gefühle
- Halt durch Grenzen
Beispiel:„Du bist wütend und das ist okay. Ich lasse aber nicht zu, dass du mich haust.“ Das ist liebevoll und gleichzeitig klar.
3. Weniger Worte sind mehr
Erklärungen wie „Du musst nicht so schreien“ oder „Ich hab’s dir doch gesagt“ erreichen dein Kind erst, wenn es wieder reguliert ist. Erst kommt die Emotion, viel später die Vernunft. Lange Erklärungen während des Wutanfalls führen oft nur zu mehr Frust – für beide Seiten.
4. Nach der Wut verbinden statt bewerten
Wenn der Sturm vorbei ist, ist dein Kind wieder zugänglich. Jetzt kannst du:
- über Gefühle sprechen
- gemeinsam Lösungen finden
- dein Kind bestärken
- alternative Strategien üben (atmen, Worte finden, Pause holen)
So entsteht Raum für Verbindung und Wachstum – ohne Scham und ohne Druck.
Und was ist mit deiner eigenen Wut?
Eltern spüren im Wutanfall des Kindes oft eine ganz eigene Wut. Häufig sind es alte Muster, die hochkommen:
- „Ich wurde früher angeschrien und durfte nie zurückschreien.“
- „Ich musste immer funktionieren.“
- „Wut galt als Respektlosigkeit.“
- „Ich habe nie gelernt, Grenzen zu setzen.“
Wut ist ein Hinweis – kein Makel. Sie zeigt dir:
- wo du überlastet bist
- wo du deine Grenzen nicht achtest
- wo du dir Unterstützung wünschst
- wo du alte Glaubenssätze loslassen darfst
Indem du dich selbst besser verstehst, wirst du automatisch weicher und sicherer im Umgang mit der Wut deines Kindes. Wenn du selbst tatsächlich als Kind keine Wut ausleben durftest kann es gut sein, dass du heute, als erwachsener Mensch, zum Teil in deiner Wut noch in den „Überlebensmodus“, den auch dein Kind erlebt, umschaltest. Es wird dir enorm helfen, die Wut mal wirklich wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten.
Die Wut als Emotion (hierin steckt das Wort „motion“ – Bewegung) möchte bewegt werden. Vielleicht kannst du dich in einer ruhigen Minute an eine Situation zurückerinnern, in der du wütend warst. Und dieser Emotion im Nachhinein Beachtung schenken und sie bewegen. Und dann dich bewegen, wie du es gerade fühlst. Möchtest du in ein Kissen hauen? Stampfen? Dich ausschütteln? Tanzen? Lass der Bewegung, die sich zeigt, mal freien Lauf …
Wut und Frust im Zweierpack
Kindliche Wut zeigt sich häufig im Zusammenspiel mit Frust. Das macht vielen Eltern Sorge – nach dem Motto: „Wenn ich mein Kind frustriere, ist es sofort wütend.“
Darum steht oft das Bedürfnis im Vordergrund, Frust vermeiden zu wollen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, und es gibt dafür keinen klaren Fahrplan.
Wenn du bei einer wiederkehrenden Situation – etwa beim Bäckereibesuch – merkst, dass du heute keine Kraft hast, einen absehbaren Wutanfall liebevoll zu begleiten, ist es absolut legitim, der Frustsituation aus dem Weg zu gehen.
Beispiel: Du weißt, dass dein Kind die Quarkbällchen verlangen wird und ein „Nein“ vermutlich in Frust und Wut endet. Hast du heute keine Kapazität, diesen Moment zu begleiten, kann ein bewusstes „Ja“ sinnvoller sein. Weniger hilfreich ist es, erst „Nein“ zu sagen und dann im Wutanfall zu einem „Ja“ umzuschwenken. So nehmen wir dem Kind die Chance, die Emotion wirklich zu durchleben.
Frust ist nicht gefährlich – solange wir begleiten
Frust ist sogar wichtig: Er hilft Kindern, Durchhaltevermögen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Deine Aufgabe ist nicht, Frust aus dem Weg zu räumen. Deine Aufgabe ist es, daneben zu stehen und zu sagen: „Ich bin bei dir. Du schaffst das.“
Damit wirst du auch in schwierigen Momenten zu einem verlässlichen Partner. Das verbindet und stärkt dein Kind darin, zu seinen Gefühlen zu stehen.
Wut als Chance für echte Beziehung
Wenn wir Wut nicht als Störung, sondern als Einladung verstehen, entsteht etwas Neues im Familienalltag:
- mehr Verbundenheit
- mehr Verständnis
- weniger Machtkämpfe
- mehr Selbstwirksamkeit
- mehr Vertrauen
Kinder lernen durch uns, dass Gefühle keinen Keil zwischen Menschen treiben müssen – sondern Brücken bauen können. Wut ist nicht das Ende der Beziehung. Oft ist sie der Anfang eines neuen Verständnisses. Du musst es nicht perfekt machen – du darfst dir erlauben, gemeinsam zu lernen. Der Umgang mit Wut ist ein Weg. Ein Weg, den du nicht perfekt gehen musst, sondern menschlich. Manchmal wirst du ruhig bleiben. Manchmal nicht. Beides ist okay.
Wichtig ist, anzuerkennen, dass ihr gemeinsam wachst. Hilfreich ist es, wenn ihr miteinander sprecht und euch nach jeder Welle wiederfindet. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen echte, zugewandte, lernbereite Eltern.
Über Kristin Holtkamp
Kristin Holtkamp ist Familienberaterin, Sonderpädagogin und zweifache Mutter. Sie verbindet fundiertes pädagogisches Fachwissen mit langjähriger Erfahrung aus dem Familienalltag. Nach Auslandsaufenthalten in den USA, Tansania und England arbeitete sie mehrere Jahre als Lehrerin. Seit 2021 begleitet sie Eltern als zertifizierte Familienberaterin nach dem familylab Ansatz. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit Wut, starken Gefühlen und inneren Triggern im Familienleben. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie herausfordernd emotionale Eskalationen sein können. Genau hier setzt ihre Arbeit an. Praxisnah, bindungsorientiert und ohne Schuldzuweisungen.
Hier geht es zur Webseite und zum Angebot von Kristin Holtkamp: kristin-holtkamp.de





